¡NO!: Film: Interviews

3 Interviews

DREI FRAGEN AN PABLO LARRAÍN

Bei ¡NO! fällt sofort der besondere „Retro-Look“ der 80er-Jahre ins Auge. Wie und warum haben Sie den geschaffen?

Wir haben uns entschieden, in genau dem Format zu drehen, in dem auch praktisch das gesamte in unserem Film verwendete Archivmaterial gedreht worden ist. Durch die Verwendung der originalen Ikegami Umatic-Kameras haben wir genau den Look der in den 80er Jahre entstandenen Aufnahmen bekommen wir, so dass der Zuschauer vom Bild her nie genau wissen kann, was Archivmaterial ist und was für den Film gedreht wurde. Es ging uns um eine Verschmelzung von Raum und Zeit.

Man kann das fast quadratische 4:3-Format und die Entscheidung, mit analogen Video-Kameras zu drehen, aber auch als unser Statement gegen die Hegemonie der HD-Ästhetik verstehen …

Sie haben im Zusammenhang Ihres Films gesagt, dass das Modell, mit dem die Diktatur schließlich überwunden wurde, sich anschließend im Chile der Post-Pinochet-Zeit selbst installiert hat.

Unser Protagonist René Saavedra ist ein Kind des neoliberalen Systems, das Pinochet dem Land aufgezwungen hat. Er übernommt die Aufgabe, den Abgang Pinochets herbeizuführen, mit den ideologischen Werkzeugen, die die Diktatur gelehrt hat. René entwickelt eine Werbekampagne mit politischen Symbole, Versprechungen und Verheißungen, die vordergründig einfach Teil einer Kommunikationsstrategie sind. In Wirklichkeit aber verstellen sie den Blick auf die Zukunft eines Landes.

Für mich ist die NO-Kampagne eine wichtige Etappe zur Konsolidierung des Kapitalismus als einzig gültigem System in Chile. Sie ist keine Metapher, sondern direkter Kapitalismus – schlicht und ergreifend das Ergebnis von Werbung übertragen auf Politik.

Was bedeutet es für Sie, dass Sie nach „Tony Manero“ und „Post Mortem“ nun Ihre Trilogie über das Chile der Diktatur abgeschlossen haben?

Einen Kreis zu schließen. Und zu hoffen, dass die Filme untereinander Verbindungen entwickeln. „Post Mortem – Santiago 73“ erzählt vom Anfang der Diktatur, „Tony Manero“ von ihrer brutalsten Phase und „NO“ von ihrem Ende. Vielleicht ist das, was mich am meisten interessiert: die Bilderwelt der Gewalt immer wieder neu zu untersuchen und zu überprüfen, die moralische Zerstörung, die ideologischen Verzerrungen. Weniger um sie zu verstehen, sondern um sie erkennbar zu machen. Vielleicht können die Filme der Trilogie zu einem Blick auf eine Zeit beitragen, die voller dunkler und trauriger Labyrinthe ist – und gleichzeitig eine Zeit voller lauter, oft forcierter „Happiness“.

DREI FRAGEN AN GAEL GARCÍA BERNAL

Sehen Sie René Saavedra mehr als ein Symbol seiner oder unserer Zeit?

René ist jemand, der in dem Kontext verwurzelt ist, in dem er lebt, aber gleichzeitig ist er fast zeitlos. Er verkörpert das erwachende politische Bewusstsein eines offensichtlich unpolitischen Menschen. Er wurde zu dem, der er ist, durch das politische Engagement und Schicksal seiner Eltern – Verfolgung, Exil, das Gefühl, überall fremd zu sein. Im Verlauf der Geschichte sucht er unbewusst eine Aussöhnung mit dieser politischen Seite, die jetzt gefordert ist, um seine unmittelbare Umgebung zu verändern. Ich glaube, dass dieser Reifeprozess etwas ist, das im Leben der Menschen immer wiederkehrt: das Bewusstsein, dass man die Dinge verändern kann.

Was war der beste Schachzug der NO-Kampagne in Hinsicht auf ihre politische und werbetechnische Dimension?

Der beste Schachzug war, das neoliberale System, das die Diktatur eingeführt hat, für die eigenen Zwecke und gleichzeitig den gesamten Spielraum der rudimentären Demokratisierung der Medien zu nutzen, die sich damals abzeichnete. Man könnte sagen, dass die NO-Kampagne die chilenische Rechte sowohl links als auch rechts überholt hat. Sie hat an den Optimismus und an Glücksversprechen in einem Land appelliert, das unter dem traumatischen Schock als Konsequenz der Diktatur litt.

Pinochet ist der einzige Diktator in der jüngeren Geschichte, der in einer demokratischen Abstimmung abgesetzt wurde. Wie sehen Sie Ihre Figur René unter diesem Aspekt?

Was in diesem Moment erreicht wurde, war, glaube ich, einer der wichtigsten Manifestationen der Brüderlichkeit, die die Demokratie in der Welt erlebt hat. Saavedra und sein Team haben sich ohne Illusionen an einer Wahl beteiligt, von der die große Mehrheit des Landes sicher war, dass sie gefälscht sein würde. Und dennoch haben sie sich entschieden, das zu machen, diese Rolle anzunehmen, dieses Opfer zu bringen: Für sich selbst, für ihre Eltern, für ihre Kinder. Das ist der Moment, in dem Saavedra in meiner Wahrnehmung zu einer heroischen und glaubwürdigen Persönlichkeit wird. „¡Viva Saavedra!“ Ich vermisse ihn schon …

DREI FRAGEN AN ALFREDO CASTRO

Sie haben in allen Filmen der Trilogie von Pablo Larraín mitgespielt. Was verbindet Ihre Figuren Raul Peralta (Tony Manero), Mario Cornejo (Post Mortem) und jetzt Luis Guzmán?

Diese Figuren kommen zusammen in ihrer Einsamkeit, in ihrer Unsichtbarkeit, in ihrer Unterwerfung unter die Macht. Was Guzmán jedoch radikal von den anderen unterscheidet, ist, dass er an eine Ideologie glaubt und sie unterstützt. Guzmán ist der schädlichste und gefährlichste Vertreter der chilenischen Rechten: Ein sozialer Aufsteiger, ganz und gar untalentiert, aber ein treuer und nützlicher Diener der Diktatur. Was mich an dieser Figur so interessiert hat, war ihre unendliche Einsamkeit und die geheime Hoffnung, einmal zum engsten Kreis um Pinochet gehören zu dürfen – im Bewusstsein, dass dies niemals geschehen würde. Guzmán bewegt sich als williger Diener zwischen den verwandten Ideologien der Diktatur und des freien Marktes. Keine Sentimentalitäten, keine Ideale, keine historischen oder epochalen Taten. Nur die Ideologie des freien Marktes und Handels, unfähig zwischen einer Diktatur und einer Mikrowelle zu unterscheiden.

Der Raul Peralta aus „Tony Manero“ ist ganz anders: ihm fehlt jegliche Ideologie, er will seine Macht über die ausüben, die weniger privilegiert sind, mit dem Versprechen der Straflosigkeit, das die Diktatur gibt. Und Mario Cornejo ist jemand, der einfach wegen der historischen Umstände, die ihn umgeben, von einem Tag auf den anderen zum Protagonisten des blutigsten und verhasstesten Teil der chilenischen Geschichte wird.

Die drei Filme spielen in der gleichen Periode, in einer Zeit, die nun fast drei Jahrzehnte zurück liegt. Wie haben Sie sich auf Raum und Zeit dieser Epoche eingestellt?

Ich glaube eigentlich nicht, dass die drei Filme wirklich in der gleichen Periode spielen. Pablo Larraíns Ansatz, diese Geschichten zu erzählen, ist sehr klug: In „Tony Mareno“ erzählte er die Zeit der härtesten Repression und Grausamkeit der Diktatur; in „Post Mortem“ vom Anfang des Schreckens, und jetzt mit „NO“ die Zeit der scheinbaren Agonie der Diktatur. Ich sage „scheinbar“, weil die Diktatur hinter der demokratischen Fassade der Demokratie weitergearbeitet hat und es noch immer tut, als Machtstruktur und Wirtschaftssystem, durch große und mächtige wirtschaftliche Gruppen, die genauso grausam in ihrer Aussonderung und Diskriminierung der Unterprivilegierten vorgehen wie die Diktatur, die sie an ihre Position gebracht hat.

Was halten Sie von der Bedeutung, die Werbung und Marketing heute auch in der politischen Kommunikation haben?

Dieses Verhältnis zwischen Politik und Propaganda und der Agitation von Massen, um große soziale Veränderungen herbeizuführen, hat es immer gegeben. In den europäischen Länder gab es Propaganda- oder Informationsministerien, von Lenin in der Sowjetunion bis zu den Nazis in Deutschland. Etwas Ähnliches hat man in Chile für die Volksabstimmung gemacht. Die Diktatur hatte den gesamten Kommunikationsapparat des Landes unter Kontrolle – und nicht zuletzt die Unterstützung eines durchaus beträchtlichen Teils der Bevölkerung. Um zu gewinnen, war es für die Kreativen der Kampagne notwendig, Zugang zu der großen Masse von eingeschüchterten Zweiflern und Dissidenten zu bekommen – mit symbolischen Botschaften, die das Unterbewusstsein, die Instinkte und Gefühle der Menschen ansprachen. Es ging darum, die Dinge soweit wie möglich zu vereinfachen, knappe, klare und konzentrierte Ideen zu benutzen. „Das Glück wird kommen“ … Dieser Slogan der NO-Kampagne ist ein Versprechen, ein Ideal für die Zukunft, wie meine Figur Guzmán sagt, für eine unabwendbare Veränderung. Und die hat es dann ja auch gegeben.